Ich hatte große Mühe, dieses Buch zuzuklappen, nachdem ich es beendet hatte.

Es zu schließen fühlte sich an wie ein Abschied, und ich war nicht bereit, mich von Paul zu verabschieden.


Paul Kalanithi hatte eine seltene Gabe, technische Präzision und Poesie, Tragik und Humor, Wissenschaft und Literatur ineinander zu verweben.

Er schreibt über die Medizin, seine Familie und schliesslich über seine Krankheit mit einer Ehrlichkeit, die nie um Mitgefühl bittet. Sie lädt einen einfach dazu ein, ein Stück des Weges an seiner Seite zu gehen.

Beim Lesen ertappte ich mich dabei, jedes Buch, jedes Gedicht und jeden Autor aufzuschreiben, den Paul erwähnte. T. S. Eliot. Beckett. Nabokov.

Mehr als einmal dachte ich:

„Wenn ich fertig bin, sollte ich Paul schreiben. Mann, du hattest recht. T. S. Eliot ist unglaublich.“

Und dann erinnerte ich mich.

Ich kann nicht.

Natürlich wusste ich es. Ich wusste, dass Paul gestorben war. Ich wusste von der Diagnose. Ich wusste, wo die Geschichte enden würde. Ich wusste all das von Anfang an. Genau deshalb habe ich dieses Buch ja überhaupt aufgeschlagen.

Und irgendwo auf dem Weg hat Paul mich in seinen Bann gezogen.

Für einen Moment wollte ich einfach, dass er weiterredet. Über Poesie. Über Bücher. Über seine Pläne für die Zukunft.

Ich ertappte mich dabei, wie ich innerlich mit ihm verhandelte.

Jeder Scan, der auch nur den kleinsten Rückgang zeigte, fühlte sich wie ein kleiner Sieg an. Jedes stabile Ergebnis fühlte sich wie Hoffnung an.

Dann kam das CT.

Ein Schlag.

Die Wirklichkeit klopfte an.

„Komm schon, Mann. Du schaffst das.“

Tief in mir wusste ich, dass ich mit der Wirklichkeit stritt.

Ich stelle mir vor, dass Paul das irgendwann auch getan hat.

Ich wollte es nur nicht akzeptieren.


Drei Monate bevor ich Pauls Buch aufschlug, wurde meine Tante auf die Intensivstation eingeliefert.

Zwei Monate. Ich erfuhr, dass ich an einer seltenen Erkrankung leide, die eine dringende neurochirurgische Operation erforderlich machen würde.

Ein Monat. Mein Vater erlitt einen Schlaganfall.

Eine Woche. Meine Tante starb.

Dann begegnete ich Paul.


Pauls Freunde scherzten oft, er sehe aus wie ein Pfarrer - manche nannten ihn sogar einen Propheten. Er selbst bestand immer darauf, dass der Bart einfach nur Faulheit sei.

Gegen Ende des Buches denkt Paul darüber nach, dass niemand die ganze Wahrheit sehen kann. Jeder von uns trägt nur ein kleines Stück davon in sich.

„Menschliches Wissen ist nie in einer einzigen Person enthalten. Es wächst aus den Beziehungen, die wir untereinander und zur Welt schaffen, und selbst dann bleibt es unvollständig.“

Wie Lucy im Epilog schreibt: „Paul mag in einer Tragödie gelebt haben, aber er war nie eine Tragödie.“

Und vielleicht ist genau das das Stück Wahrheit, das Paul mit mir geteilt hat - das Stück Wahrheit, nach dem ich gesucht hatte.